Orgelstadt wird zur Windspargelstadt mit Tiefflug-Area
Neue Anlagen sind mehr als sechsmal so hoch wie der Borgentreicher Kirchturm
Von Hubertus Hartmann

Borgentreich. Kaum ein Thema wird in Borgentreich derart kontrovers diskutiert wie der Windkraftausbau. Der freie Blick vom Galgenberg oder Hohen Berg zum Desenberg ist Geschichte. Nahezu im gesamten Stadtgebiet entstehen derzeit neue Anlagen.
Allein auf dem Gebiet der Kernstadt befinden sich aktuell 14 im Bau, überwiegend rund um die Dinkelburg. Zwölf weitere sind genehmigt, für sechs zusätzliche läuft das Genehmigungsverfahren.
Im Herbst vergangenen Jahres haben die Erdbewegungen begonnen, kilometerlange Schotterpisten für Baumaschinen und Sattelschlepper ziehen sich durch die Landschaft, martialische Fundamente für die neuen Energietürme sprießen aus dem Bördeboden. Auf ihnen werden die bis zu 175 Meter hohen Stahltürme verankert. Mit ihren Rotorblättern erreichen die Anlagen eine Gesamthöhe von 260 Metern und sind damit mehr als sechsmal so hoch wie der 42-Meter-Turm der St. Johannes Baptist-Kirche.
Die Anlagen habe eine Leistung von 6 bis 7,2 Megawatt. Jeder dieser Stromerzeugungsgiganten kann theoretisch rund 4.000 Haushalte mit Strom versorgen. Ein einziges Windrad dieser Größe könnte also die komplette Orgelstadt mit Energie beliefern.
Dass aufgrund der hohen Ausbaudynamik die Strompreise für die Borgentreicher Bürger zukünftig günstiger werden, scheint allerdings unwahrscheinlich. Denn die Kosten für den erforderlichen Netzausbau werden auf die Verbraucher umgelegt. Trotz der Netzentgelt-Reform 2025/26 liegen die „Kabelkosten“ in NRW über dem Bundesdurchschnitt.

Profiteure
Hauptprofiteure der Energiewende sind die Anlagenbetreiber und privilegierte Grundstückseigentümer, auf deren Flächen die Windräder gebaut werden. Pachtpreise von 50.000 Euro und mehr pro Jahr und Windrad werden – abhängig von Standort und Leistung – angeblich in Borgentreich gezahlt. Im benachbarten Willebadessen sind es seriösen Quellen zufolge sogar beim sogenannten Drei-Flächen-Modell 150.000 Euro. Die Pacht für Windkraft ist rund 30-mal höher als für gutes Ackerland. Die Pachtverträge laufen in der Regel über 25 bis 30 Jahre.
Profitieren werden von den Windkrafterlösen auch die Stadt Borgentreich sowie die Vereine über eine neue Stiftung. Um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, will die Bürgerwindpark Borgentreich GmbH und Co. KG als größter Windparkbetreiber in Borgentreich jährlich ein Prozent des Umsatzes – rund 200.000 Euro – für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung zu stellen.
Das Geodatenportal des Kreises Höxter weist für die Orgelstadt aktuell diese Zahlen aus:
19 Windkraftanlagen in Betrieb
14 befinden sich im Bau
22 sind genehmigt
19 befinden sich im Genehmigungsverfahren
Beim Blick auf die Karte der im gesamten Kreis Höxter geplanten Windkraftanlagen werden die Augen noch größer, denn dort sieht man – in Anlehnung an eine bekannte Redewendung – vor lauter Propellertürmen die Landschaft nicht mehr.
129 neue Windräder wurden in der Region zwischen Weser, Emmer, Diemel und Egge im Jahr 2025 genehmigt. Das ist einsamer Landesrekord und zeugt von Goldgräberstimmung. In Betrieb sind zur Jahreswende etwa 180 Anlagen. Schon bald könnten sich im selbsternannten Kulturland mehr als 600 Windräder drehen.
Ob allerdings tatsächlich alle genehmigten Projekte umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Sinkende Einspeisevergütungen schmelzen die Erlöse, die oft 20 Kilometer langen Kabeltrassen bis zum nächsten Netzverknüpfungspunkt sind zusätzliche Kostentreiber, die Banken werden bei der Finanzierung vorsichtiger, und die Bundesregierung plant weitere Maßnahmen zur Kostenreduzierung bei den erneuerbaren Energien.

Tiefflug
Und dann ist da noch das Thema Tiefflug. Aufgrund der veränderten sicherheitspolitischen Lage, hat die Bundeswehr im November 2025 alte Tiefflugzonen über Deutschland reaktiviert, um Kampfjetpiloten ein realistisches Training zu ermöglichen. Dazu zählt auch die Low Flying Area (LFA) zwischen Siegen, Hildesheim, Paderborn und Kassel. Mitten in der LFA3 liegt der Kreis Höxter mit demnächst – nach derzeitigen Planungen – mehr als 600 Windrädern.
In ausgewiesenen militärischen Tieffluggebieten über Deutschland dürfen Kampfjets der Bundeswehr für taktische Manöver bis auf 250 Fuß (ca. 75 Meter) über Grund absinken.
Über Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, Kernkraftwerken und bestimmten Industrieanlagen gelten Mindestflughöhen von mindestens 2.000 Fuß bzw. ca. 610 Meter.
Und was ist mit den 260 Meter hohen Windkraftanlagen?
Zwei Wind-Investoren aus Borgholz haben mit der Bundeswehr bereits in den 1990er Jahren eine spezielle Erfahrung gemacht. 1995 errichten sie bei Natingen für 3,8 Millionen D-Mark die beiden ersten Windkraftanlagen im Kreis Höxter. Vier Jahre später müssen sie die Anlagen mit einem Kostenaufwand von rund 700.000 D-Mark wieder abreißen, weil die damals „nur“ 60 Meter hohen Masten das Luftwaffenradar im 1,7 Kilometer entfernten Auenhausen stören. Die Betreibergesellschaft geht pleite.
Hier gibt es detaillierte Infos:
Windkraft in Lippe / Der Pivit

Meine Meinung
Kernkraft hat sich als kaum kalkulierbares Risiko erwiesen. Die Mehrzahl der Deutschen will deshalb die Energiewende. Photovoltaik- und Windkraftanlagen gelten nach derzeitigem Stand der Technik als die effizientesten Methoden zur Stromerzeugung. Gemessen an der Einwohnerzahl belegt der Kreis Höxter mit dem Solarchampion Borgentreich bundesweit eine Spitzenposition. Er ist einer der Vorreiter der Energiewende. Schon 2023 wurde im Kreis Höxter mit 108,9 Prozent aus erneuerbaren Energien rechnerisch mehr Strom erzeugt, als alle heimischen Haushalte und Firmen zusammen verbrauchen.
Und jetzt geht es erst richtig los.
Der Windkraftausbau erreicht eine nie zuvor gekannte Dynamik. In nahezu allen Städten des Kreises schießen die gewaltigen Rotortürme aus dem Boden. Profiteure sind die Investoren, Betreiber und Grundeigentümer. Die Zahl der wirklichen Windkraftgegner hält sich (noch) in Grenzen. Allerdings schütteln viele Bürger angesichts der Vielzahl an Windgiganten inzwischen fassungslos den Kopf. Denn zur Verschönerung der intakten Naturlandschaft im Kulturkreis tragen die Windkraftanlagen ganz sicher nicht bei. Der ohnehin strukturschwache ländliche Raum sichert die Energieversorgung der Ballungsgebiete und zahlt dafür mit einer Verschandelung seiner Landschaft und aufgrund der hohen Netzausbaukosten teilweise sogar höheren Strompreisen.
Abgaben der Betreiber an die Kommunen und Spenden in Stiftungen wirken da eher wie ein Alibi-Feigenblatt. Deutlich vergünstigte Strompreise für die Bewohner der Windvorranggebiete würden die Akzeptanz vielleicht erhöhen, können aber die zerstörte Landschaft nicht reparieren. Noch punktet unsere Region mit einigermaßen intakter Natur und Lebensqualität. Die wird massiv beeinträchtigt, wenn stählerne Windräder die Höhenzüge zwischen Egge und Weserbergland „zieren“, der Blick auf den Desenberg, das Wahrzeichen der Warburger Börde, durch Windräder verschattet ist und wertvolles Ackerland für die gewaltigen Fundamente der Windräder geopfert wird.
Möglicherweise konterkariert der Windkraftausbau sogar das Rückkehr-Aktionsprogramm des Kreises Höxter für Weggezogene. Welche junge Familie findet die Erfüllung ihres Lebenstraums schon in einer windmühlenverspargelten Region mit ohnehin bescheidener Infrastruktur? Von wahrscheinlich sinkenden Immobilienwerten ganz zu schweigen.
Wohlgemerkt: Ich bin nicht gegen Windkraft! Ich möchte Windkraftausbau mit Augenmaß und eine gerechtere Verteilung auf ganz Deutschland.
Hubertus Hartmann

